Turings Computer sind "der Anfang einer Kette" (2024)

Wolfgang Hagen im Gespräch mit Stephan Karkowsky·21.06.2012

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Der abgebissene Apfel, das Logo von Apple, war seine letzte Hinterlassenschaft. Und auch für die Technikgeschichte ist Alan Turings Beitrag zentral: Er habe "das Urbild des Computers" geschaffen, sagt der Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen.

Stephan Karkowsky: Als Erfinder des modernen Computers gilt in Deutschland der Berliner Konrad Zuse. Dabei gab es in England einen Zeitgenossen Zuses, dem mindestens ebenso viel Ehre gebührt: Alan Turing, er schuf die theoretischen Grundlagen der Informatik. Beitrag in Ortszeit, Deutschlandradio Kultur (MP3-Audio) Axel Rahmlow stellt ihn vor.

Warum Alan Turing bis heute vermeintlich im Schatten Konrad Zuses steht und welche Entwicklung wir ihm zu verdanken haben, das lassen wir uns erklären vom Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen, Professor für Rhetorik an der Leuphana-Universität Lüneburg. Herr Hagen, was war denn das Revolutionäre, das zu seiner Zeit radikal Neue im Denken von Alan Turing?

Wolfgang Hagen: Die Geschichte, dass immer jedes Land glaubt, den Computer-Erfinder zu haben, die ist ja aller Ehren wert. Aber Konrad Zuse hat den Computer, den wir heute kennen, nicht erfunden, sondern der basiert wirklich auf einer Architektur von John von Neumann, und diese Architektur basiert wieder auf den Arbeiten von Alan Turing. Und damit komme ich auch zu Ihrer Frage: Das ist eben das Bedeutende, diese Kette, die Alan Turing geschaffen hat. Einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, das ist schon mal ein ganz wichtiger Punkt, und ein sehr ungewöhnlicher Mathematiker, der zum Beispiel, was seine Mathematik betrifft, auf der Schule eher wahnsinnig schlechte Noten bekommen hat, weil er eine unglaublich schlechte Handschrift hatte und sich deswegen mit 13 eine kleine Schreibmaschine gebastelt hat, einfach, weil er mit der Hand nicht richtig schreiben konnte.

Seine Lehrer haben sofort erkannt, dass der mit 13, 14 praktisch nur höhere Mathematik betrieben hat, aber sozusagen in der Arithmetik jede Menge Fehler machte. Also er kam dann sehr früh eben aufs King’s College und hat dann eben auch beigetragen zu einem sehr abstrakten mathematischen Problem, nämlich dem gödel’schen Entscheidungsproblem, und daraus ist seine ungewöhnliche Turing-Maschine entstanden, und die wiederum ist das Urbild des Computers.

Karkowsky: Was heißt das genau, das Urbild des Computers? Was konnte diese Maschine?

Hagen: Ja, Sie müssen sich vorstellen, Rechenmaschinen gab es natürlich irgendwie immer schon, also eigentlich seit dem 17. Jahrhundert. Leibnitz hat solche Dinger gebastelt, und im 19. Jahrhundert waren das also Ungetüme, immer mit Wellenrädern – sehr mechanisch betrieben –, mit Zahnrädern, so wie im Grunde genommen unsere Uhr, Armbanduhr heute noch aufgebaut ist. Das Ungewöhnliche an der turing’schen Maschine, die erst mal eine Papier-und-Bleistift-Maschine ist: Es ist ein mathematischer Beweis, der sich nur mit einem Band mit Feldern, also ganz einfaches kariertes Band, mit einem Lese- und einem Schreibkopf sozusagen, beschäftigt, und dazu gibt es ein bestimmtes Alphabet, was dieser Schreibkopf auf diesem karierten Band tun muss, nämlich vorwärts, rückwärts fahren, dort irgendwas lesen, dort irgendwas reinschreiben.

Und mit diesem Band, und mit diesen ganz einfachen gedanklichen Mitteln – wohlgemerkt, weil das kann sich ja jeder gerade noch vorstellen: kariertes Band, irgendein Lese-Schreibkopf, der immer ein Kästchen weiterwandert oder mal drei Kästchen zurück oder fünf nach vorne, je nach dem, wie das Programm es sagt –, mit diesem Maschinchen hat er in einer theoretischen Schrift, die ja genannt worden ist, in den 30er-Jahren bewiesen, dass man jedes arithmetische Problem durch eine solche Maschine lösen kann, wenn diese Maschine zu einem Halt kommt. Und jetzt kommt der zweite, für uns Computermenschen so wichtige Beweis – dies ist ja so was Ähnliches wie ein Computer, der macht ja auch nichts anderes als sozusagen immer ganz einen Schritt nach dem anderen zu machen –, der zweite Beweis, den er dort angetreten hat, war: Mit einer solchen Maschine kann man nicht beweisen, dass eine andere Maschine richtig läuft. Und insofern ist diese Turing-Maschine eine ganz besondere Maschine, die nämlich die Stärken und die Grenzen des Computers gleichzeitig zeigt.

Karkowsky: Sie hören zum 100. Geburtstag des britischen Mathematikers Alan Turing den Medienwissenschaftler Professor Wolfgang Hagen. Herr Hagen, wie so oft wurde auch hier die Entwicklung technischer Innovation ja zunächst vom Militär gefördert: Turing sollte chiffrierte deutsche Funksprüche entschlüsseln. Lässt sich das überhaupt noch darstellen, wie er das gemacht hat?

Hagen: Also das ist danach. Er hat zunächst mal dieses sehr theoretische, innerhalb der wirklich höchsten Mathematik laufende kleine Maschinchen mit Papier und Bleistift geschrieben. Und weil er ein großartiger Mathematiker war, wurde er wie alle Wissenschaftler von Rang in den Kriegsjahren vom englischen Geheimdienst einvernommen, um an einer Arbeit zu arbeiten, an der wahnsinnig viele Leute gearbeitet haben, nämlich an der Entschlüsselung der deutschen Codes, mit denen die deutsche Marine ihre Unterseeboote steuerte. Das war eine Enigma-Maschine, eine sehr komplizierte Verschlüsselungsmaschine. Und unter anderem mit einem Computer, der aufbaute auf den Arbeiten aus den 30er-Jahren von Turing, ist ihm die Entschlüsselung gelungen, und zwar so, dass die Deutschen das nicht mitbekommen haben. Ab '43 haben die Engländer aufgrund der Arbeiten der Wissenschaftler im Bletchley Park, wo eben auch Turing zugehörte, praktisch jeden Funkspruch abhören können und wussten immer, wo die U-Boote waren. Und das war eine entscheidende Entschärfung einer doch wichtigen deutschen Waffe.

Karkowsky: Halten Sie es denn für übertrieben oder für durchaus berechtigt, was Richard Dawkins gesagt hat: Turing habe einen größeren Beitrag zum Sieg gegen das Dritte Reich geleistet als Eisenhower oder Churchill?

Hagen: Das, glaube ich, kann man nicht so sagen. Er hat einen wichtigen Beitrag geleistet, den man so zusammenfassen kann: Der Krieg verdichtet ja immer Produktionsmittel, die sozusagen im zivilen Leben sich so nicht verdichten würden. Und insofern ist er beteiligt an der Entwicklung des Computers, der natürlich im Wesentlichen in Amerika dann weiterentwickelt worden ist, von seinem Lehrer unter anderem, John von Neumann, weil es darum ging, die Atombombe zu berechnen. Und da hat John von Neumann auf die Computerarchitektur zurückgegriffen, die Turing entwickelt hat, ohne dass es ihm da schon gelungen wäre, die sogenannte Superbombe, also die Wasserstoffbombe in ihren Wirkungsgleichungen vorher zu berechnen, weil man nämlich wirklich nicht wusste, was die anrichtet, und deswegen hat man sieben Jahre gewartet und sie 52 erst das erste Mal explodieren lassen, und hatte immer noch keine Berechnungen, und Sie wissen, dabei ist das Bikini-Atoll bis auf den heutigen Tag praktisch dem Erdboden gleichgemacht worden.

Karkowsky: Dann kommen wir am Schluss noch einmal auf Konrad Zuse zurück, der in Deutschland ja nun wirklich sehr bekannt ist als Computer-Pionier – bekannter als Alan Turing, der sich 1954 das Leben nahm. Wie kommt es eigentlich, dass Turing hier in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die gleiche Rolle spielt?

Hagen: Das ist ein bisschen so eine – würde ich sagen – auch ganz kluge, und wie ich finde, auch ehrenvolle Gedächtnispolitik an Zuse, die etwa seit 15 Jahren läuft. Vor 15 Jahren war das noch ganz anders, da kannte man Zuse in dieser Form nicht. Zuse ist nicht ganz unwichtig, weil Zuse im Bezug auf die Entwicklung der Programmiersprachen einige Beiträge geleistet hat, und ein enger Mitarbeiter von ihm, Rutishauser, ist dann tatsächlich in die Entwicklung der amerikanischen Programmiersprachen eingestiegen. Aber die Zuse-Maschine selbst ist sozusagen weder im Krieg fertig geworden noch hat sie nach dem Krieg irgendeine paradigmatische Rolle gespielt. Turings Computer – er hat an mehreren gebaut – und erst recht die Maschinen von John von Neumann, sind allerdings sozusagen der Anfang einer Kette, die reicht bis zu dem Punkt, dass Sie heute vor Ihrem Notebook, und übrigens – obwohl Steve Jobs das immer abgestritten hat – das Logo von Apple ist natürlich der abgebissene Apfel, und der abgebissene Apfel ist das, was auf dem Nachttisch lag, also man den toten Alan Turing fand, und man hat dann das Cyanid in dem Apfel festgestellt.

Karkowsky: Zum 100. Geburtstag des britischen Mathematikers Alan Turing, der Medienwissenschaftler Professor Wolfgang Hagen von der Leuphana-Universität Lüneburg. Danke für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Turings Computer sind "der Anfang einer Kette" (2024)

FAQs

Turings Computer sind "der Anfang einer Kette"? ›

Turings Computer – er hat an mehreren gebaut – und erst recht die Maschinen von John von Neumann, sind allerdings sozusagen der Anfang einer Kette, die reicht bis zu dem Punkt, dass Sie heute vor Ihrem Notebook, und übrigens – obwohl Steve Jobs das immer abgestritten hat – das Logo von Apple ist natürlich der ...

Was war der erste Computer? ›

Der ENIAC-Rechner (kurz für Electronic Numerical Integrator and Computer) wurde im Auftrag der US-Armee ab 1942 von J. Presper Eckert und John W. Mauchly gebaut. Der Großcomputer maß zehn mal 17 Meter und wog 27 Tonnen.

Hat Alan Turing den Computer erfunden? ›

Alan Turing hat die Erfindung des britischen Computers mit elektronischem Programmspeicher in den 1940er- und 1950er-Jahren durch seine theoretischen wie praktischen Konzepte stark beeinflusst.

Wie hat Alan Turing das Rätsel der Enigma gelöst? ›

Auf Basis eines einfacheren Vormodells, das polnische Mathematiker konstruiert haben, entwickelt Turing eine elektromechanische Maschine, die sogenannte „Bombe“. Das wegen ihres tickenden Geräuschs so benannte Gerät engt die möglichen Lösungen einer Enigma-Chiffre auf nur noch einige wenige ein.

Warum wurde die turingmaschine erfunden? ›

Die theoretische Informatik verwendet Turingmaschinen um zu verdeutlichen, welche Aufgaben durch maschinelles Rechnen gelöst werden können. Dabei wird festgelegt, was unter Berechenbarkeit und Entscheidbarkeit verstanden wird und welche Probleme verarbeitbar sind.

Wer hat 1941 den ersten Computer erfunden? ›

am 12. Mai 1941 präsentierte Zuse in Berlin den ersten, in allen Komponenten funktionsfähigen, frei programmierbaren Digitalrechner in binärer Schalttechnik. Vor diesem "Ur-Computer" – mit einem Kampfgewicht von 1.000 kg – hatte er zunächst das vollmechanische Rechenwerk Z1 und das Übergangsmodell Z2 entwickelt.

Wer baute das erste Rechengerät? ›

Konrad Zuses Z3. Die erste programmgesteuerte Rechenmaschine der Welt. Konrad Zuse wird häufig als Erfinder des Computers bezeichnet.

Warum ist Alan Turing berühmt? ›

Turing entwickelte 1953 eines der ersten Schachprogramme, das er mangels Hardware per Hand ausführte. Auf ihn geht der „Turing-Test“ zum Nachweis künstlicher Intelligenz zurück. Heute wird nach ihm die bedeutendste Auszeichnung der Informatik benannt, der „Turing Award“.

Wie viele Leben hat Alan Turing gerettet? ›

Mit seiner Arbeit hat der Computerwissenschaftler Alan Turing den Zweiten Weltkrieg verkürzt und 14 Millionen Menschen das Leben gerettet.

Wer hat die erste Computer erfunden? ›

Charles Babbage und Ada Lovelace (geborene Byron) gelten durch die von Babbage 1837 entworfene Rechenmaschine Analytical Engine als Vordenker des modernen universell programmierbaren Computers.

Wer hat die Enigma gebrochen? ›

In extrem kleinteiliger Arbeit erreichte Rejewski, dass nicht nur diese Einstellung, sondern auch die weiteren Mechanismen der Chiffriermaschine geknackt wurden. Er konnte damit bereits im Jahr 1932 die Verschlüsselung der Enigma brechen.

Wer hat den Turing Test bestanden? ›

Er ist aber ein Computer. Er soll der erste sein, der den Turing-Test bestanden hat. Mehr als 30 Prozent der Jury-Mitglieder glaubten, sie kommunizierten mit dem 13-jährigen Jungen Eugene Goostman. Stattdessen beantwortete der Supercomputer Eugene ihre über die Tastatur eingegebenen Fragen.

In welcher Stadt wurde Turing verboten? ›

Bletchley Park (Abkürzung B.P.) ist ein Landsitz in der englischen Stadt Bletchley in der Grafschaft Buckinghamshire und liegt etwa 70 km nordwestlich von London. B.P. war die zentrale militärische Dienststelle, die sich im Zweiten Weltkrieg erfolgreich mit der Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs befasste.

War Turing ein Autist? ›

Würden Sie Turing als Autisten bezeichnen? Benedict Cumberbatch: Nein, er war weder Autist, noch litt er an dem Asperger-Syndrom. Wir sind heute immer sehr schnell mit diesem Etikett bei der Hand, womit man den Menschen, die tatsächlich an diesen Krankheiten leiden, keinen Gefallen tut.

Wie nannte Alan Turing seine Maschine? ›

Dem englischen Mathematiker Alan Turing (1912-1954) und seinem Team gelang es im Zweiten Weltkrieg, den als unlösbar geltenden Code der deutschen „Enigma“-Chiffriermaschine zu knacken.

Wann ist etwas Turing vollständig? ›

Eine Maschine oder ein System ist Turing-vollständig, wenn es jede Berechnung durchführen kann, die auch eine Turing-Maschine ausführen kann. Mit anderen Worten, es kann jedes Problem lösen, für das eine Lösung in einer endlichen Anzahl von Schritten existiert.

Was konnte der Z3 Computer? ›

Prototyp – Zuse Z3

Am 12. Mai 1941 stellte Konrad Zuse diesen Prototyp dann vor: die Zuse Z3, der erste funktionsfähige, programmierbare Computer der Welt. Er konnte fünf Operationen pro Sekunde ausführen, verfügte über 200 Byte Arbeitsspeicher und wog etwa eine Tonne.

Wann gab es das erste Laptop? ›

Der erste Laptop, der auch offiziell als erster so bezeichnet wurde, war der Gavilan SC, der 1983 veröffentlicht wurde und stark einer Schreibmaschine ähnelte. Bis in die 1990er Jahre hatte fast jedes Notebook ein Diskettenlaufwerk.

Wann wurde der erste Z1 erfunden? ›

Die Z1 wurde 1938 fertiggestellt und gilt als Vorläufer des modernen Computers. Sie arbeitete als erster Rechner mit binären Zahlen und besaß bereits ein Ein-/Ausgabewerk, ein Rechenwerk, ein Speicherwerk und ein Programmwerk, das die Programme von gelochten Kinofilmstreifen ablas.

Was wurde im Jahr 1941 erfunden? ›

Mit seiner Entwicklung der Z3 im Jahre 1941 baute Zuse den ersten funktionstüchtigen, vollautomatischen, programmgesteuerten und frei programmierbaren, in binärer Gleitkommarechnung arbeitenden Rechner und somit den ersten funktionsfähigen Computer der Welt.

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